Gesprächsabend mit Anita Lasker-Wallfisch

Di., 8. April 2008, 19.00 Uhr, Ernst-Bloch-Zentrum LU

Dies war die einzige öffentliche Veranstaltung der einwöchigen Gesprächs- und Lesereise von Anita Lasker-Wallfisch. Neben Treffen und Besuchen an der Universität Mannheim und verschiedenen Schulen hielt Anita Lasker-Wallfisch im Ernst-Bloch-Zentrum eine kurze Lesung und sprach mit den Zuhörer/innen.

Biografie

Anita Lasker-Wallfisch wird 1925 in Breslau geboren. Ihr Vater ist Rechtsanwalt, ihre Mutter Violinistin. 1939 gelingt es den Eltern, ihre älteste Tochter Marianne nach England zu schicken, die Schwestern Anita und Renate bleiben mit den Eltern zurück. Die Eltern werden 1942 deportiert und ermordet, die beiden Töchter müssen in der Fabrik Zwangsarbeit leisten. Nach einer gescheiterten Flucht mit gefälschten französischen Pässen werden beide Mädchen zu Zuchthausstrafen verurteilt.

Als erste wird Anita nach Auschwitz deportiert. Als verurteilte Kriminelle wird sie mit einem Sonderzug in das Lager gebracht und entgeht so der Massenselektion und sofortigen Ermordung in der Gaskammer, die bei Ankunft von Großtransporten üblich war. Da bekannt wird, dass sie Cello spielen kann, wird sie Mitglied im Lagerorchester unter Alma Rosé. Später wird auch Renate nach Auschwitz deportiert. Die Schwestern finden einander wieder und ertragen gemeinsam das schwere Lagerleben.

Im November 1944 werden sie mit anderen Mitgliedern des Orchesters nach Bergen-Belsen verlegt, wo sie am 15. April 1945 von alliierten Truppen befreit werden. Anita gelingt es, zunächst nach Belgien, 1946 dann nach Großbritannien auszuwandern. Sie wird Mitbegründerin des Londoner English Chamber Orchestra und spielt dort bis um die Jahrtausendwende erfolgreich als Cellistin.

1994 besucht sie erstmals seit der Emigration wieder Deutschland. Sie geht seitdem häufig auf Vortragsreisen und berichtet vor allem in deutschen Schulen von ihrem und dem Schicksal anderer Opfer des Nationalsozialismus. (aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie)

Verlegung von Stolpersteinen am 12. März 2008

LUDWIGSHAFEN-INNENSTADT
MAXSTRASSE / 1 STEIN

HIER WOHNTE
EUGEN HERBST
JG. 1903
REICHSTAGSABGEORDNETER
DER KPD
ERMORDET 1934
DACHAU

LUDWIGSHAFEN- SÜDLICHE INNENSTADT
SCHÜTZENSTRASSE 32 / 1 STEIN

HIER WOHNTE
ERNST KERN
JG. 1904
VERFOLGT
GEFLÜCHTET
FRÜHSOMMER 1933
ÜBERLEBT

FRIESENHEIM / CARL-BOSCH-STRASSE 174 / 5 STEINE

HIER WOHNTE
KARL WEILHEIMER
JG 1886
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
ERMORDET
16.9.1941

HIER WOHNTE
FLORA WEILHEIMER
GEB ROSENBLATT
JG 1894
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
DRANCY    
12.8.1942 AUSCHWITZ
ERMORDET

HIER WOHNTE
ALMA LEVI
GEB.WEILHEIMER
JG 1880
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
ERMORDET 26.12.1940

HIER WOHNTE
PAULA WEILHEIMER
JG 1888
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
8.8.1942 DRANCY
12.8.1942 AUSCHWITZ
ERMORDET

HIER WOHNTE
OTTO WEILHEIMER
JG 1884
1938
FLUCHT IN DEN TOD

RHEINGÖNHEIM - EISENBAHNSTRASSE 27 / 3 STEINE

HIER LEBTE
HEINRICH WEIL
JG 1875
DEPORTIERT RIVESALTES
ERMORDET 11.09.1942
AUSCHWITZ

HIER LEBTE
EUGENIE WEIL
JG 1875
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
ERMORDET

HIER LEBTE
MANRED WEIL
JG 1926
DEPORTIERT
RIVESALTES
ERMORDET 11.9.1942
AUSCHWITZ

CAROLISTRASSE / HAUPTSTRASSE

HIER WIRKTE
PFARRER WILHELM CAROLI
JG 1895
18.02.1942 DACHAU
HUNGERTOD
23.8.1942

HAUPTSTRASSE 242 / 4 STEINE

HIER LEBTE
KLARA JACOB
GEB. HORN
JG 1874
1940
FLUCHT NACH SHANGHAI
TOD
30.09.1942

HIER LEBTE
RITA BIRNBAUM
GEB. JACOB
JG 1904
1934
FLUCHT NACH PALÄSTINA
GEST. 16.06.1995 IN FRANKFURT/MAIN

HIER LEBTE
MARGARETE LOEWY
GEB. JACOB
JG 1906
1940 FLUCHT NACH SHANGHAI
TOD BOSTON USA

HIER LEBTE
ILSE LEWIN
GEB. JACOB
JG 1908
1938 FLUCHT NACH BOLIVIEN
ÜBERLEBT
TOD 11.12.2002
FRANKFURT AM MAIN

RUCHHEIM / MUTTERSTADTER STRAßE 16 / 3 STEINE

HIER LEBTE
HEINRICH BÄHR
JG. 1878
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
ERMORDET 16.9.1942
AUSCHWITZ

HIER LEBTE
JOHANNA BÄHR
GEB JACOB
JG. 1885
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
ERMORDET 16.9.1942
AUSCHWITZ

HIER LEBTE
IDA LANG
GEB BÄHR
JG. 1909
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
ERMORDET 16.9.1942
AUSCHWITZ

FUSSGÖNHEIMER STRASSE 32 /  2 STEINE         

HIER LEBTE UND ARBEITETE
JAKOB LEVA
JG 1865
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
ERMORDET
9.12.1940

HIER LEBTE UND ARBEITETE
KLARA LEVA
GEB. HANAU
JG 1887
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
DRANCY 14.8.1942
ERMORDET
AUSCHWITZ

FUSSGÖNHEIMER STRAßE 44 / 1 STEIN        

HIER LEBTE UND ARBEITETE
ROBERT NEUBERGER
JG 1891
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
ERMORDET 31.12.1944
AUSCHWITZ

FUSSGÖNHEIMER STRAßE 52 / EHEMALIGE SYNAGOGE  / 3 STEINE

HIER LEBTE
JAKOB WALDBOTT
JG. 1882
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
FLUCHT 1941
USA
ÜBERLEBT

HIER LEBTE
CAESAR WALDBOTT
JG. 1886
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
LES MILLES
FLUCHT 1.2.1942
USA, CINCINNATI
ÜBERLEBT

HIER LEBTE
JOHANNA WALDBOTT
JG. 1887
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
ERMORDET

„Ich steckte in der Eile nur ein Reservetaschentuch ein….“

Dienstag, 28. Oktober 2008, 13 Uhr am Lichttor vor dem Rathaus-Center, Ludwigshafen

166 Namen bedeuten 166 Opfer, bedeuten 166 Schicksale von Kindern und Jugendlichen, Männern und Frauen, Familien, die in Ludwigshafen gelebt haben. Wir gestalteten eine Gedenkstunde, die am Dienstag, den 28. Oktober 2008, also 70 Jahre nach der "Polenaktion" vor dem Rathaus – Center in Ludwigshafen stattfand.

Lesebeiträge erklärten den historischen Hintergrund („Polen-Aktion und der Zusammenhang zur sog. „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938) und vermittelten - gestützt auf die Veröffentlichungen von Roman Vishniac (Verschwundene Welt und Kinder einer verschwundenen Welt) und Marcel Reich-Ranicki (Mein Leben) - einen Eindruck davon, welche Wirkung bei den Opfern und Betroffenen damit erreicht wurde.

Danach wurden stellvertretend für die 166 Opfer ihre Namen nacheinander alphabetisch vorgelesen und mit ihrem Namen beschriftete Taschentücher aufgehängt. Über 100 Schüler/innen, Jugendliche und interessierte Mitmacher/innen machten dies möglich.

Das Taschentuch ist ein für uns gewähltes Symbol des Abschieds und des Trostspendens gleichermaßen, daher zur Verdeutlichung dieser Situation besonders passend.

Als Grundlage diente die Liste „Verzeichnis der polnischen Staatsangehörigen, denen gemäß § 5 Abs. 1 Ziff. A der Ausländerpolizeiverordnung vom 22.8.1938 (RGBl. S. 1055) der Aufenthalt im deutschen Reichsgebiet verboten wurde.“
(Ludwigshafen / Rhein, den 29. Oktober 1938. Polizeidirektion J.A. gez. Acker)

Die „Polenaktion“ 1938

Im Oktober 1938 wurden aus dem Deutschen Reich 17.000 Juden mit polnischen Pässen vertrieben. Die Nazis war nicht bereit Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit im Reichsgebiet zu dulden. Die Polnische Regierung, die Juden auf vielfältige Weise diskriminierte, wollte diese aber nicht aufnehmen. So mussten tausende im Niemandsland des Grenzstreifen ausharren, ein anderer Teil wurde für einige Monate in Polen interniert.
 
Der polnische Botschafter in Berlin Lipski 1938: „Die Mehrheit der polnischen Juden kam schon vor dem 1. Weltkrieg nach Deutschland. Ihre Kinder sind also in Deutschland geboren und aufgewachsen und können daher kein Polnisch. Die Alten beherrschen zwar noch das Polnische, benutzen diese Sprache jedoch nicht mehr im täglichen Leben.“  Als Lipski seiner Regierung berichtete, dass die deutschen Behörden offenbar die Abschiebung der Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit planten, beschloss diese die Rückwanderung zu blockieren, indem sie diesen Menschen die Staatsbürgerschaft aberkennen wollte. Die polnische Regierung erließ ein entsprechendes Gesetz, das Ende Oktober 1938 in Kraft treten sollte.

Die Deutschen reagierten mit der „Polenaktion“, die Listen dafür hatte die Polizei schon längst erstellt. In der Nacht zum 27.Oktober 1938 begann die SS Zehntausende polnischer Juden, die den größten Teil ihres Lebens in Deutschland zugebracht hatten oder hier geboren wurden und sich als Deutsche fühlten nach Polen zu deportieren. Die Menschen wurden von der Maßnahme völlig überrascht. Sie wurden aus dem Schlaf gerissen, mussten in zehn Minuten ihre Sachen gepackt haben und wurden dann zusammen getrieben und in Eisenbahnwaggons verfrachtet. Die Züge hielten zehn Kilometer vor der polnischen Grenze. Von hier aus wurden die Juden zu Fuß weiter getrieben. „Die Juden mussten aussteigen und die polnische Grenze zu Fuß überqueren. Als die polnische Polizei und Grenzposten dies zu verhindern suchten und die Juden zurück auf die deutsche Seite drängten, fingen die deutschen Polizisten und Zöllner mit aufgepflanzten Bajonetten und demonstrativ bereitgehaltenen Maschinengewehren an, die Juden gewaltsam und mit der Drohung, von der Waffe Gebrauch zu machen, nach Polen zu jagen.“

Die Vertriebenen wurden tagelang an den Grenzstationen festgehalten, ohne Schlafgelegenheit, oft auch ohne Verpflegung, bevor die polnische Bahn sie wegbrachte. „Nach Kattowitz kamen halbverhungerte jüdische Kinder in schrecklichem Zustand. Mädchen und Jungen in Schuluniformen mit ihren Schulbüchern in der Hand. Diese Kinder waren einfach von der Schule in die Waggons getrieben worden. Viele von ihnen waren auf der Reise krank geworden.“

Zu diesen Menschen gehörten auch die Eltern des 17 jährigen Herschel Grynszpan, der nach Paris emigriert war. Aus Wut und Verzweiflung tötet er am 7. November 1938 einen Sekretär der deutschen Botschaft in Paris. Dieses Attentat diente den Nazis als Vorwand für die so genannte Reichskristallnacht.

Aus Ludwigshafen wurden 166 deutsch-polnische Juden ausgewiesen. Sie wurden mit 5.000 anderen im grenznahen Zbaszyn in einer völlig verdreckten ehemaligen Kaserne interniert. Die Zustände die dort herrschten, und die winterliche Kälte bewirkten, dass viele der Deportierten erkrankten und starben.

Marcel Reich Ranicki gehörte auch zu diesen Deportierten. In seinen Memoiren schreibt er: „… wurde noch vor sieben Uhr morgens von einem Schutzmann aus dem Schlaf gerissen. Dass ich alles, was ich in dem kleinen Zimmer besaß, zurücklassen musste, versteht sich von selbst. Nur fünf Mark durfte ich mitnehmen und eine Aktentasche. Aber ich wusste nicht recht, was ich in ihr unterbringen sollte. Ich steckte in der Eile nur ein Reservetaschentuch ein ….  .“ Im Zug lernte er einige seiner Schicksalsgenossen kennen: „Sie sprachen alle tadellos Deutsch und kein Wort Polnisch. Sie waren in Deutschland geboren oder als ganz kleine Kinder hergekommen und hier zur Schule gegangen. …..  die Frauen hatte man meist mitten in der Nacht verhaftet, ihnen wurde häufig nicht erlaubt, sich anzuziehen: Sie waren nur mit einem Nachthemd und einem Mantel bekleidet.“

Die Abschiebung aus dem deutschen Reich war der Auftakt zur Shoa. Denn zehn Monate später marschierte die Wehrmacht in Polen ein. Die planmäßige Ermordung der Juden begann, und die meisten Betroffenen der „Polenaktion“ haben die Shoa nicht überlebt.

Fotos vom 28.10.2008