5 Jahre "Ludwigshafen setzt Stolpersteine"

Am 17. April 2007 trat der Arbeitskreis "Ludwigshafen setzt Stolpersteine" erstmals öffentlich in Erscheinung. Genau 5 Jahre später findet am gleichen Ort, im Stadtmuseum Ludwigshafen, eine Veranstaltung statt, in der der Arbeitskreis eine Bilanz über seine jahrelange engagierte Arbeit zieht.

Mit einer "Auftaktveranstaltung" trat der Arbeitskreis "Ludwigshafen setzt Stolpersteine" am 17. April 2007 an die Öffentlichkeit. In Anwesenheit von Oberbürgermeisterin Dr. Eva Lohse und vielen interessierten Besucher/innen stellte der Arbeitskreis das Konzept des Kölner Künstlers Gunter Demnig vor, der in vielen Städten bereits insgesamt Tausende von "Stolpersteinen" - 10 mal 10 cm großen Pflastersteinen mit einer in Messing geprägten Aufschrift - im Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus gesetzt hatte. In der Region waren Initiativen in Worms und Frankenthal bereits voran gegangen und konnten von ihren Erfahrungen mit dieser Form der Erinnerungsarbeit berichten. Ein Beschluss des Ludwigshafener Stadtrats schuf die Grundlage dafür, dass auch in Ludwigshafen Stolpersteine ins öffentliche Pflaster eingelassen werden sollten.

5 Jahre später hat der Arbeitskreis, dem unverändert mehr als ein Dutzend engagierte Historiker/innen, Pädagogen/innen und an Erinnerungsarbeit interessierte Laien angehören, mehr als 110 Stolpersteine in Ludwigshafen gesetzt. Einmal pro Jahr kommt dazu Gunter Demnig, der inzwischen auch im europäischen Ausland tätig ist, zu einem Verlegetag nach Ludwigshafen. Aufgabe des Arbeitskreises ist es, die Biografien der zu ehrenden Nazi-Opfer zu recherchieren und diese Informationen im Sinne des Kunst-Projekts "Stolpersteine" aufzubereiten. Das Engagement des Arbeitskreises geht aber weit darüber hinaus. Davon zeugen Konzerte, Vorträge, Lesungen, Filmveranstaltungen, die der Arbeitskreis organisiert hat; eine Reihe von Publikationen, die aus der Stolpersteine-Arbeit heraus entstanden sind resp. vorbereitet werden und eine große Zahl schulischer Projekte zum Thema Nationalsozialismus und über das Leben und Leiden seiner Opfer in Ludwigshafen.

Mit einem schulischen Projekt hatte alles begonnen: Im Carl-Bosch-Gymnasium führten der Lehrer Günter Weißkopf und Gerhard Kaufmann, Vater einer damaligen Schülerin, 2006 eine Projektwoche durch, bei der Schüler/innen das Leben jüdischer Schüler und Lehrer erforschten, die im Dritten Reich unmittelbar (die Lehrer) oder spätestens 1938 (die Schüler) von der Schule verwiesen worden waren. Die Idee lag nahe, die Vertriebenen und Verfolgten durch die Verlegung von Stolpersteinen zu ehren und ihre Namen ins Gedächtnis zu rufen. Das damals bereits in vielen Städten realisierte Kunst- und Gedenkprojekt "Stolpersteine" von Gunter Demnig war auch in Ludwigshafen bekannt geworden. Im Herbst 2006 traf sich erstmals der Arbeitskreis "Ludwigshafen stetzt Stolpersteine", in dem bald Ludwigshafenerinnen und Ludwigshafener mit unterschiedlichem Hintergrund gemeinsam Pläne diskutierten, wie und zu wessen Andenken in Ludwigshafen Steine ins Pflaster gelegt werden sollten.

Von Anfang an war das Stadtarchiv der Treffpunkt des Arbeitskreises, und das Team des Stadtarchivs um den Leiter Dr. Stefan Mörz gehört zu den dauerhaften und wichtigsten Unterstützern. Schnell ergab sich die Zusammenarbeit mit aktiven Mitgliedern der protestantischen Kirchengemeinden Ruchheim und Rheingönheim, in denen bereits Jahre vorher damit begonnen worden war, das Leben ehemaliger jüdischer Mitbürger und Mitbürgerinnen zu erforschen und mit Überlebenden und Nachfahren in aller Welt Kontakt aufzunehmen. Eine enge Zusammenarbeit besteht mit dem Christlich-Jüdischen Gesprächskreis, einer engagierten Organisation auch auf dem Feld der Erinnerungsarbeit, und mit der Freireligiösen Landesgemeinde Pfalz und ihrer Landespredigerin Renate Bauer.

Im Arbeitskreis herrscht Einverständnis darüber, dass das Gedenken den Nazi-Opfern unterschiedlichster Herkunft gelten solle. Die vielen jüdischen oder von den Nazis als "Juden" definierten Opfer stellen den überwiegenden Teil der mit Stolpersteinen geehrten Menschen dar; entsprechend der großen Zahl von Ermordeten und Verfolgten, die diese Gruppe im Dritten Reich zu verzeichnen hatte. Von Anfang an bedachte der Arbeitskreis aber auch Personen mit Stolpersteinen, die wegen ihres christlichen Glaubens, ihrer politischen Überzeugungen und aus anderen Gründen in den Tod oder in die Flucht getrieben worden waren.

Das Konzept des Künstlers Gunter Demnig, der das Projekt Stolpersteine insgesamt verantwortet, sieht vor, dass die Steine am letzten freiwillig gewählten Wohnort (vor der Flucht, der Vertreibung oder Deportation) oder am Ort des beruflichen Wirkens verlegt werden. Die Recherche der Opferbiografien fällt in die Verantwortung der örtlichen Initiativen. Die umfangreichen Vorbereitungen für jeden einzelnen Stolperstein wären nicht möglich ohne das große Engagement der Ludwigshafener Schulen. Den beteiligten Schülerinnen und Schülern gehen die von ihnen erforschten Lebensläufe zu Herzen. Unabhängig vom Alter, der Herkunft oder auch der Schulart haben Schülergruppen das Projekt Stolpersteine in Ludwigshafen mit Überzeugung getragen. Über 100 Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Schulen beteiligten sich allein am 28. Oktober 2008 an der Aktion vor dem Rathaus im Gedenken an die Deportationen nach Polen. Bei jeder Stolpersteinverlegung sind Jugendliche dabei; oft tragen sie selbst geschriebene Texte vor.

Der Arbeitskreis hält den Kontakt zu besonders interessierten Jugendlichen. Einige bleiben der Gedenkarbeit auch nach ihrer Schulzeit verbunden. Pädagoginnen und Pädagogen wie die Sprecherin des Arbeitskreises, Monika Kleinschnitger, gehören zu den treibenden Kräften des gesamten Projekts. Zum fünfjährigen Jubiläum des Arbeitskreises wird das Ludwigshafener Online-Gedenkbuch www.erinnerungen-bewahren.de im Internet veröffentlicht. Hier werden in einer Datenbank die Lebensdaten und -geschichten der 121 Menschen gesammelt, für die es in Ludwigshafen einen Stolperstein gibt. Aber vor allem dient das Online-Gedenkbuch dazu, z. B. interessierten schulischen Gruppen Informationen zu bieten, die auch ein Anreiz zur Weiterarbeit sein sollen: Der Arbeitskreis will damit weitere biografische Recherchen fördern; neue Ergebnisse werden auf der Gedenkbuch-Website ihren Platz finden. Das vergleichsweise teure Vorhaben www.erinnerungen-bewahren.de wurde durch die Zuwendungen von Ludwigshafener Unternehmen ermöglicht.

2012 beginnen einige Mitglieder mit der Erarbeitung von Unterrichtsmaterialien, die die Schicksale von verfolgten Jugendlichen unter dem Regime des Dritten Reichs lebendig werden lassen. Den Anstoß dazu gab Judith Rhodes, Tochter der ehemaligen Ludwigshafenerin Ursula Michel, die als Jugendliche mit einem "Kindertransport" nach Großbritannien entkam und dort 2011 verstarb. Im Laufe der fünf Jahre hat der Arbeitskreis eine Fülle von guten und motivierenden Kontakten zu Nachfahren der in Ludwigshafen Geehrten aufgebaut. Per Mail und Telefon sind Arbeitskreis-Mitglieder mit Angehörigen in Großbritannien, Schweden, Israel, USA und China verbunden. Viele Familienmitglieder von Opfern waren in Ludwigshafen zu Besuch; viele haben für Stolpersteine gespendet und reihen sich damit in die große Zahl von Einzelspenderinnen und -spendern ein, die die Verlegung der Stolpersteine finanziell ermöglichen.

Für die Arbeit des Arbeitskreises gibt es kein logisches Ende. Die Aufgabe, den wenigen bekannten und den vielen unbekannten Opfern des Dritten Reichs in Ludwigshafen ein Andenken zu bewahren, ist nie vollständig zu erfüllen - dafür ist das Ausmaß der Gräueltaten der Nazischergen zu groß. Die Anforderung, die Ungerechtigkeit einer rassistischen, gewaltsamen Politik der Aussonderung und der Verfolgung immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wächst mit jeder neuen Schülergeneration nach. Der Arbeitskreis "Ludwigshafen setzt Stolpersteine" zieht am 17. April 2012 nach fünf Jahren eine öffentliche Zwischenbilanz und arbeitet weiter. Im September 2012 ist die nächste Stolperstein-Verlegung mit Gunter Demnig geplant. Über die eigene Website www.ludwigshafen-setzt-stolpersteine.de lädt der Arbeitskreis zu seinen Treffen ein und weist auf seine laufenden Aktivitäten hin.

Bilder vom 17. April 2012

Grußwort Dr. Regina Heilmann, Leiterin des Stadtmuseums Ludwigshafen

5 Jahre Ludwigshafen setzt Stolpersteine – gegen das Vergessen!

Guten Abend, liebe Mitglieder des Ludwigshafener Arbeitskreises „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“, guten Abend sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, die sie zugleich auch die Schirmherrin der Stolpersteinaktion in unserer Stadt sind, guten Abend sehr geehrter Herr Bürgermeister van Vliet und Herr Dieter Burgard – Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz, lieber Herr Kollege Dr. Mörz vom Stadtarchiv, guten Abend liebe Vertreterinnen und Vertreter des Stadtrats und weiterer Institutionen, guten Abend liebe Erschienene, die ich Sie alle hier im Stadtmuseum als dessen Leiterin sehr herzlich begrüßen darf!

Vor genau 5 Jahren, am heutigen Tag, fand hier in den Räumlichkeiten des Stadtmuseums unter meinem Vorgänger Herrn Peter Ruf die Auftaktveranstaltung zu einer Aktionsreihe und einem, ich darf sagen, wunderbaren Engagement statt, das seither stets gegen das Vergessen, gegen das Verdrängen – auch zuweilen auch gegen das Leugnen so bedeutsamer wie grausamer historischer Ereignisse angeht.

Der Künstler Gunter Demnig, der das mittlerweile und seit vielen Jahren bundesweit agierende Projekt der Stolpersteine ins Leben rief, hielt im November des Jahres 2007 im Zuge der allerersten Stolpersteinverlegung in Ludwigshafen ebenfalls hier im Stadtmuseum einen Vortrag über Stolpersteine als eine Idee, die er als Kunstprojekt für ganz Europa verstanden wissen möchte. Aber auch eine ganze Reihe anderer, die Aktion der Verlegungen begleitende, Veranstaltungen fanden in Ludwigshafener Kultureinrichtungen seither statt und bildeten gleichzeitig das dringliche Anliegen wider das Vergessen in diversen künstlerischen Ausdrucksformen ab.

Ich möchte mit meinen einleitenden Worten inhaltlich nichts vorweg nehmen. Sondern nur ganz emotional, im Grunde privat anfügen, sofern es mir gestattet ist: Als ich die Namenslisten derer durchlas, in deren Gedenken in Ludwighafen bereits über 100 Steine verlegt wurden, so bin ich vor allem über einen “gestolpert“ – ganz im Sinnes Demnigs, des Initiators der Stolpersteinaktionen, eben „mit Herz und Hirn“:

In der Leistadter Straße Nummer 7 wurde ein Stein in Gedenken an Josephine Pister verlegt. Und so – Josephine - heißt auch meine sechsjährige Tochter. Geboren 2005 in Mannheim, ein Wunschkind, wohlbehütet, fröhlich und angstfrei - und aller Voraussicht nach wird sie hier in Deutschland wohl ein unbeschadetes Leben führen können, einen Lebensverlauf, welchen man Josephine Pister – hier stellvertretend für alle anderen Opfer – ebenso sehr gewünscht hätte.

Eigentlich hatte ich auch noch vor, aus einer Publikation aus dem Jahr 1999 zu zitieren, die ich mir dieser Tage wegen der aktuellen Diskussionen um das Gedicht von Günter Grass aus dem Buchregal gezogen habe:
Die deutschen Professorinnen Aleida Assmann und Ute Frevert haben damals das interessante Buch „Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit“ verfasst. Anlass war seinerzeit die Debatte zwischen Martin Walser und Ignaz Bubis, die sicher noch vielen unter Ihnen im Gedächtnis geblieben ist. Was die Notwendigkeit, Relevanz, Form und Qualität von Erinnerungskultur hinsichtlich der Gräueltaten des Dritten Reichs betrifft, so hätte ich jedoch aus diesem Band derart viele Textstellen vorlesen mögen, dass wir hier noch lange säßen. Daher kann ich Ihnen diese wichtige Publikation über den Umgang mit der deutschen Vergangenheit seit 1945 für ein tieferes Eintauchen in die Thematik nur empfehlen.

Wenn Sie, lieber Arbeitskreis, hier heute Bilanz Ihrer fünfjährigen Arbeit ziehen, so freut mich das als Gastgeberin einer städtischen Einrichtung und somit auch im Namen des Stadtrats, welcher die Initiative befürwortet hat und ihr somit den Rücken stärkt, von ganzem Herzen.

Viel hätte ich noch zum Thema sagen wollen, auch zum umfangreichen schulischen Engagement und Austausch mit Schulen von Anfang an - vieles wird jedoch gleich noch seitens der Beteiligten gesagt werden. Aber wir alle werden dafür sorgen, dass es auch so bleibt – dass wir nicht verstummen...

Ich wünsche uns allen einen besinnlichen Abend, der uns zurück blicken, in uns hinein horchen aber auch Energie für das künftige Engagement tanken lässt, um diese so wichtige Arbeit fortführen zu können.

Herzlichen Dank.

Regina Heilmann