Ernst Simon Bloch, Ludwigshafen

Ernst Simon Bloch
Ernst Bloch auf der Begegnung der Geistesschaffenden, DDR 1954 (Quelle: Bundesarchiv)

HIER WOHNTE
DR. ERNST BLOCH
JG. 1885
FLUCHT 1933
ÜBERLEBT IN USA

StolpersteinstraßeLudwigstr. 54 b
StolpersteinortLudwigshafen
Jahr der Verlegung2009
StolpersteininitiativeLudwigshafen

Persönliche Daten

NachnameBloch
VornameErnst Simon
Geburtstag08.07.1885
GeburtsortLudwigshafen
FamilienstandVerheiratet in erster Ehe mit Else Stritzky-Bloch (Hochzeit 1913), nach deren Tod (1921) in zweiter Ehe (1922 bis 1928) mit Linda Oppenheimer, dann mit Karola Bloch. Ein Sohn Jan Robert Bloch (geb. 1937)
BerufPhilosoph
SchicksalEmigration 1933
Sterbedatum4. August 1977
SterbeortTübingen

Biographie

(...) Ernst Simon Bloch ist am 8.Juli 1885 in Ludwigshafen als Sohn des damaligen Eisenbahnarbeiters Markus Bloch und seiner Ehefrau Barbara geboren. Markus Bloch stammte aus dem nordpfälzischen Gauersheim, Barbara Feitel aus dem nahe gelegenen Mettenheim. Nach ihrer Heirat 1883 zogen sie nach Ludwigshafen in die Maxstraße 11, dem Geburtshaus ihres ältesten Sohnes Ernst. Das Haus existiert heute nicht mehr, es wurde in einer der letzten Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges am 1. März 1945 zerstört, heute befindet sich hier ein Parkhaus. Es war eine der engen, überfüllten Mietskasernen in dieser auf der Rückseite des eigentlichen Stadtzentrums liegenden Straße. Das Haus gehörte dem jüdischen Fabrikanten Max Adler, über einem Friseurladen im Erdgeschoß wohnte bis 1893 die Familie Bloch.

Kleinbürgerlich war die Umgebung und kleinbürgerlich war das Milieu des Elternhauses, dessen soziale Enge durch den Aufstiegswille des Vaters geprägt war – er schaffte es schließlich zum Oberinspektor im Tarifbüro der Pfalzbahn: „Der Vater war bayerischer Eisenbahnbeamter, tüchtig in seinem Fach, sehr wenig von der Muse geküsst, was ja auch nicht zu seinem Beruf gehörte; die Mutter nervös, nicht ganz auf der Höhe, schwierig, schwierige Ehe. Schwierige Kindheit, fühlte mich einsam.“ Die Familie zog 1893 in das Haus Maxstraße 17 um, 1904 in das Haus „Woll-Bauer“ in der Kaiser-Wilhelm-Straße 11 und schließlich 1911 – Ernst Bloch hatte das Elternhaus nach dem Abitur 1905 verlassen – in die Lisztstraße 166.
Die Wechsel in jeweils bessere Wohngegenden dokumentieren auch den mühsamen sozialen Aufstieg der Familie Bloch, vielleicht noch mehr aber wird er dadurch gekennzeichnet, dass für eine gute Ausbildung des Sohnes gesorgt wurde: 1895 kam Ernst Bloch in das damalige Progymnasium und später Humanistische Gymnasium in der benachbarten Schulstraße.
Neben Problemen mit dem Elternhaus hatte Ernst Bloch jetzt auch Probleme mit der Schule: „Die Schule kam noch hinzu, das hatte gerade noch gefehlt.“ 1901 musste er gar eine Klasse wiederholen, im Rückblick aber wurde dies zum persönlichen Gewinn: „Mein größtes Glück ist es gewesen, dass ich in der 5.Klasse, …. Obertertia also, durchgefallen bin und von einer scheußlichen Bagage von Schulkameraden befreit wurde – das waren alles schon Prä-Nazis oder kleine Nazis in nuce – und nun zu anderen Kameraden kam. Diese Kameraden eben, unsere Kreise, die wir illegal abhielten, hochintelligente Jungen und, gleich mir, im Protest zum Elternhaus und vor allem zur Schule, die waren mein rettender Umgang zu dieser Zeit“.
In seiner Kindheit fühlt Bloch sich einsam, das Verhältnis zu seiner Geburtsstadt ist zwiespältig. Auf der einen Seite ein dauernder Konflikt mit dem Vater und schlechte Schulzeugnisse, auf der anderen Seite empfängt Bloch hier die ersten Eindrücke, die bis in sein Denken hinein wichtig werden: nämlich den Gegensatz von kultureller Tradition - Mannheim drüben, über den Rhein, sein Theater und die Schloßbibliothek mit den Werken von Schelling, Hegel etc.- und moderner Arbeitswelt auf dem diesseitigen Ufer. Ludwigshafen, die in amerikanischem Tempo gewachsene Fabrikstadt, die "nichts vom sogenannten geistigen Leben" hat, "häßlich, geschichtslos, gegründet durch Chemie..." nennt er daher in einem Aufsatz von 1928 (wiederabgedruckt in Erbschaft dieser Zeit) eine der "ersten Seestädte auf dem Land, fluktuierend, aufgelockert, am Meer einer unstatischen Zukunft."

Als Ernst Bloch in das Progymnasium eintrat, waren von 136 Schülern acht israelitisch, ihn selbst mit eingeschlossen. Mit ihm in der gleichen Klasse war Max Hirschler, der zum engen Freund wurde, und Alfons Landecker. Weitere jüdische Schüler in anderen Klassen waren Friedrich Wie, Alfred Wolff, Karl Eugen Mann, Ludwig Weil und Arthur Gern. Mit Ernst Bloch in der gleichen Klasse waren noch zwei andere, später prominente Ludwigshafener: der Architekt Paul Bosslet und Ernst Lehmann, später Kapitän von Zeppelin-Luftschiffen, der 1938 bei der Katastrophe von Lakehurst ums Leben kam. Ernst Bloch hat sie nie erwähnt – wenn wir sie nicht pauschal zu der „scheußlichen Bagage und Prä-Nazis“ zählen wollen, von denen er durch das Sitzenbleiben befreit wurde.

Allerdings ist in diesem Punkt Blochs Erinnerung nicht ganz zu trauen, denn sein engster Freund Max Hirschler war nun nicht mehr, wie man eigentlich glauben sollte, in seiner Klasse. Auch der Sohn Max Hirschlers ließ sich durch die Erinnerungen Ernst Blochs täuschen (Eric E.  Hirschler, Wird schon wärn…., Erinnerungen an  Ernst Bloch Exil in USA, abgedruckt im Bloch-Almanach 1983), wenn er schreibt: „Mein Vater, Max Hirschler, war wohl Blochs ältester Freund; sie waren auch jahrelang Klassenkameraden, weil dieser in der Obertertia des Ludwigshafener Humanistischen Gymnasiums sitzenblieb. Max Hirschler, damals noch in Frankenthal lebend, legte sein Abitur folgerichtig 1904 ab, ein Jahr vor Ernst Bloch.
Bloch hatte einen weiteren jüdischen Schulkameraden, den aus Freinsheim
stammenden Schriftsteller Hermann Sinsheimer, den er aber ebenfalls nicht erwähnte. Vielleicht auch deshalb, weil Sinsheimer des Ludwigshafener Gymnasium nur im Schuljahr 1899/1900 besuchte, das gleiche Jahr in dem Ernst Bloch durchgefallen war.
    
(...)

Dem Vater genügte das, er suchte seinem Sohn nun eine Lehrstelle bei einer Mannheimer Eisenwarenhandlung aus. Bloch wurde davon bewahrt, er kämpfte sich schließlich bis zum Abitur durch, das schriftlich vom 19. bis 23. Juni und mündlich am 8. und 10. Juli abgehalten wurde. Rektor Stumpf aber gab ihm noch „voller Hass“ mit auf den Weg: „Philosophie wollen sie studieren? Dafür sind  Sie viel zu dumm!“

Das Philosophie-Studium in München und Würzburg schloss Ernst Bloch mit einer Dissertation ab; für das künftige Werk bedeutsamer sind einige Aufsätze dieser Zeit, zum Beispiel über Nietzsche (1906). Die Versuche, sich zu habilitieren, scheiterten. Es begann ein Leben als freier Schriftsteller. Der junge Bloch erfuhr die unterschiedlichsten Anregungen; in Berlin bei Georg Simmel, in Heidelberg durch die Freundschaft mit Georg Lukács.
Am Ende des Ersten Weltkriegs erschien das Frühwerk Geist der Utopie. Es bündelt wesentliche Strömungen des damaligen Diskurses und wird vielfach rezipiert. Der Philosoph hatte sein Thema gefunden: die Utopie. Während des Kriegs war er in die Schweiz emigriert und hatte pazifistische Zeitungsartikel verfasst. Aus diesem politischen Engagement erwuchs konsequent die Begeisterung über die russische Revolution und über die Ausrufung der deutschen Republik. Kein Zufall also, dass er 1921 das Buch Thomas Münzer als Theologe der Revolution veröffentlichte.
In den Zwanziger Jahren lebte Bloch vor allem in Berlin, er verkehrte unter Schriftstellern, Komponisten oder Dirigenten wie Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Hanns Eisler, Otto Klemperer, schrieb journalistische Texte in der Frankfurter Zeitung, der Weltbühne etc.; die philosophische Arbeit trait vorübergehend in den Hintergrund.

Nach dem Tod seiner ersten Frau Else von Stritzky-Bloch kam Bloch jedoch oft zu seinem alten Freund Max Hirschler und dessen Frau Helene. Er wohnte dann über Wochen bei ihnen in Ludwigshafen.

Ernst Bloch emigrierte 1933 in die Schweiz, doppelt gefährdet als Marxist und als Jude,  später nach Wien, Paris, Prag und 1938 in die USA, nach Cambridge/Massachussettes. Er war dem Holocaust entgangen. Viele seiner Freunde und Bekannte aber wurden umgebracht, fast die gesamte Familie seiner aus Polen stammenden Frau Karola Piotrkowska, einer Architektin, wurde in Treblinka vergast.

Im April 1949 kehrte Ernst Bloch nach Deutschland zurück, er folgte einem Ruf der Universität Leipzig. Die große Wende zur öffentlichen Wirksamkeit kam damit für den fast vergessenen Emigranten. Ernst Bloch profitierte von der anfangs liberal erscheinenden Kulturpolitik der jungen DDR. Er war ein bei den Studenten beliebter Professor, mehr noch: jetzt endlich wurden seine Manuskripte zu Büchern, sie erschienen im Berliner Aufbau-Verlag. Aber bald folgte der Sturz: 1956, nach dem Ungarn-Aufstand, wurde die ostdeutsche Opposition, vor allem die Intelligenz, von der Staatspartei hart unterdrückt. So gerät auch Blochs Philosophie unter Beschuss, als „antimarxistisch und revisionistisch". Er durfte keine Vorlesungen mehr halten, seine Bücher wurden nicht mehr gedruckt, mehrere Schüler kamen in Haft oder flohen.

Noch einmal ein Ortswechsel. 1961, beim Bau der Berliner Mauer, begann Bloch wieder von vorn, mit 76 Jahren, im Westen, an der Universität Tübingen. Der ganze Besitz, die Möbel, Bibliothek, Briefe, Fotos blieben in Leipzig, nur die Manuskripte konnten heimlich herübergebracht  werden. Jetzt erreichte Blochs Wirkung ihren Höhepunkt, die 60er und 70er Jahre waren ihm günstig: Vortragsreisen, Präsenz in den Medien, internationale Ehrungen, weltweite Wirkung durch Übersetzungen und Sekundärliteratur von Japan bis nach Lateinamerika. Mit 92 Jahren, die Suhrkamp-Gesamtausgabe war gerade abgeschlossen, starb Ernst Bloch am 4. August 1977 in Tübingen.

Auszüge aus:
-- Dr. Karlheinz  Weigand, Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen, „Prinzip Hoffnung. Leben und Werk von Ernst Bloch“ in: Geschichte der Stadt Ludwigshafen am Rhein, Band 1, Ludwigshafen  2003
--  Peter Ruf, „Ernst Bloch und Ludwigshafen“, in: Ulrike Minor/Peter Ruf „Juden in Ludwigshafen“, Ludwigshafen 1992.

Bearbeitung: Ulrike Minor