Henry (Heinrich) Feingold, Ludwigshafen

Henry (Heinrich) Feingold

HIER WOHNTE
HEINRICH FEINGOLD
JG. 1931
ENTRECHTET / GEDEMÜTIGT
FLUCHT 1938
USA
ÜBERLEBT

StolpersteinstraßePrinzregentenstr. 45
StolpersteinortLudwigshafen
Jahr der Verlegung2007
StolpersteininitiativeLudwigshafen

Persönliche Daten

NachnameFeingold
VornameHenry (Heinrich)
Geburtstag06.02.1932
GeburtsortLudwigshafen
FamilienstandVerheiratet. Sohn von Max und Frieda Feingold, zwei Geschwister Erna und Herta
Berufheute Professor für Geschichte
SchicksalVerlässt Ludwigshafen im September 1938, Flucht unmittelbar vor dem Pogrom des 9. November 1938 nach Holland und dann in die USA, überlebt
Sterbedatum
Sterbeort

Biographie

Heute ist Henry Feingold emeritierter Professor für Geschichte an der Universität der Stadt New York. Außerdem engagiert er sich in verschiedenen jüdischen Organisationen. In zahlreichen Aufsätzen und Büchern setzt er sich mit der Geschichte der Juden in Amerika auseinander. In seinem wichtigsten Werk analysiert er kritisch die Flüchtlingspolitik der Roosevelt-Regierung in den Jahren zwischen 1938 und 1945.
An die Jahre in Ludwigshafen kann sich Henry Feingold noch gut erinnern. In einem Aufsatz setzt er sich zum Beispiel mit dem hohen Bildungsstandard der westeuropäischen und osteuropäischen Juden auseinander. Er schreibt: „Ich hörte den Klang der mit Eisennägeln beschlagenen Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster, lange bevor ich die uniformierten Reihen sah. Das hatte wenig mit der Bildung zu tun, die ich als Junge genießen durfte.“ Der kleine Junge von damals freute sich über die zusätzliche Freizeit, als er die öffentliche Schule nicht mehr besuchen durfte und die neue jüdische Schule noch nicht eröffnet war. Er konnte es kaum erwarten, bis sein Vater mit den Hebräisch-Stunden fertig war, mit denen Henry und seine beiden Schwestern eine zusätzliche Bildung erhalten sollte. Auch wenn Henry Feingold sich zum Teil ironisch über die in Ludwigshafen erfahrene „Bildung“ äußert: In den USA erhielt er aufgrund der Motivation in der eigenen Familie eine entsprechende Ausbildung.
Henry Feingold schreibt, dass Staaten wie die USA, England und Israel (damals Palästina) von jüdischen Einwanderern aus Deutschland profitiert haben. „Überall stiegen die deutschen Juden überproportional in die modernen Eliten auf“, stellt er in dem Aufsatz „Bildung: War sie gut für die Juden?“ fest: „Deutschlands Verlust an Juden war ein Gewinn für die USA.“ Aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Motivation erreichten viele deutsche Juden nach 1945 höhere gesellschaftliche Positionen.

(geschrieben von Herbert Baum)

Im Zusammenhang mit der Verlegung von Stolpersteinen für die Familie Feingold am 22. November 2007 schrieb Prof. Henry L. Feingold an Monika Kleinschnitger vom Arbeitskreis „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ folgenden Brief (Übersetzung):

Liebe Monika,
ich war ein aufgeweckter achtjähriger Junge, als ich Ludwigshafen verlassen habe, aber ich erinnere mich an alles und träume oft von dieser Zeit. Ich kam zwei Mal nach Ludwigshafen zurück, beim ersten Mal als amerikanischer Soldat. Mein zweiter Besuch hat einen tiefen Eindruck auf mich hinterlassen.

Ich sehe die Opferliste für die Prinzregentenstraße als vollständig an. Ich habe sogar einiges gelernt über die „wahren“ Namen meiner Cousins, da wir alle Spitznamen hatten, und auch über die Berufe meiner Onkel.
Ich war zwar erst acht Jahre alt, als ich Ludwigshafen verlassen habe, aber irgendwie bin ich mit einem guten Langzeitgedächtnis gesegnet. Ich erinnere mich an zwei Ereignisse, die du vielleicht erzählen könntest.

•    Du weißt, dass es in der Vorkriegszeit nahezu jeden Sonntag die Gelegenheit gab, eine Parade oder einen Marsch zu sehen. Die Prinzregentenstraße war mit  Kopfsteinpflaster gepflastert und ich werde niemals in meinem Leben vergessen, welchen Eindruck diese Marschreihen auf mich als kleinen Jungen machten. Der Klang von genagelten Stiefeln auf dem Kopfsteinpflaster bedeutete, dass du die Braunhemden der SA, die paramilitärischen Truppen, schon lange vorher gehört hast, bevor du sie tatsächlich sehen konntest. Es machte einen so tiefen Eindruck auf mich, dass ich mich meinem Vater widersetzte, als er mich wegziehen wollte. Ich wollte nichts mehr auf dieser Welt, als ein Soldat zu sein.
•    Das nächste Ereignis hat mit der Zeitung „Der Stürmer“ zu tun – die sich genau vis a vis zu dem Rheingold-Kino, wo wir lebten, befand. Uns wurde verboten zu lachen, wenn wir hinschauten oder befohlen, am besten überhaupt nicht hinzuschauen. Um 1937 war es jüdischen Kindern nicht länger erlaubt, öffentliche Schwimmbäder zu benutzen, aber Herr Lindenau (wohnte auch in der Prinzregentenstraße 45) wusste einen Ausweg. Er kühlte die jüdischen Kinder auf der Rückseite eines Hauses in einem Gartenhäuschen ab. Einige Tage später wurde auf der ersten Seite des Stürmers gezeigt, wie jüdische Kinder ihren Spaß haben. Selbst habe ich es nicht gesehen, denn ich habe gerade erst Lesen gelernt. Aber einer meiner älteren Cousins hatte es gelesen und dachte, das wäre ein großer Spaß. Seinen Eltern versicherte er, dass er nicht gelacht habe, so dass es keine Gefahr gäbe, dass er von der Polizei abgeführt werde. Ich denke, dieser Junge war mein Cousin Adi (Adolf Singer, geboren 16.7.1925, Auschwitz), der nicht überlebte.

Ich hoffe, ihr könnt in Ludwigshafen negative Reaktionen vermeiden, wie wir sie an anderen Orten erlebt haben. Dort meinte eine ganze Generation, dass sie mit dem Holocaust nichts mehr zu tun hätte.
Lasst mich abschließend noch eines sagen: Ihr macht eine tolle Arbeit. Anonymität ist der Gegner der Humanität. Ihr seid auf dem richtigen Weg, wenn ihr den Opfern ihr Gesicht zurückgebt.

Keep well!
Prof. Henry Feingold