Ernst Kern, Ludwigshafen

Ernst Kern

HIER WOHNTE
ERNST KERN
JG. 1904
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
VERFOLGT
FLUCHT 1933
FRANKREICH
ÜBERLEBT

StolpersteinstraßeSchützenstr. 32
StolpersteinortLudwigshafen
Jahr der Verlegung2008
StolpersteininitiativeLudwigshafen

Persönliche Daten

NachnameKern
VornameErnst
Geburtstag11. Oktober 1904
GeburtsortLudwigshafen
FamilienstandEhemann von Paula Kern, geb. Bauer (1909-1997), Bruder von Fritz (Friedrich) Kern (1908-1986), der von 1950-1973 Stadtjugendpfleger in Ludwigshafen war.
BerufMechaniker
SchicksalEmigration 1933 - 1946
Sterbedatum3. März 1976
SterbeortLudwigshafen

Biographie

Ernst Kern wurde am 11. Oktober 1904 in Ludwigshafen als erster Sohn von Friedrich Kern und Frieda Kern, geb. Schilling geboren. Am 3. Januar 1908 kam sein Bruder Fritz Kern zur Welt.

Der Vater Friedrich Kern wurde am 22. Februar 1881 in Landau geboren, war Gewerkschaftssekretär und SPD-Mitglied. Er gehörte von 1909 bis 1915 dem geschäfts-führenden Vorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) Ludwigshafen an und erlebte in dieser Funktion auch die Arbeitskämpfe in der BASF mit. Von ca. 1918 bis zum Verbot der Gewerkschaften war er „Gausekretär“ des ADGB.

Friedrich Kern wurde wie viele andere führende Sozialdemokraten in Ludwigshafen zwischen 1901 und 1919 Mitglied der Freireligiösen Gemeinde. Ernst Kern und sein Bruder Fritz wurden als junge Menschen von der Arbeiterjugendbewegung geprägt und Ernst war in den 1920er und 1930er Jahren dort aktiv: Dies war zu einem die „Sozialistische Arbeiterjugend“ (SAJ), die 1904 bzw. 1919 (wieder)gegründete Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und zum anderen die 1923 in Berlin gegründeten „Kinderfreunde“, eine sozialdemokratische Kinderorganisation. Ernst Kern nahm in der Ludwigshafener Ortsgruppe der SAJ neben praktischen Aufgaben auch die des Vorsitzenden wahr. Mit der Gründung der Ludwigshafener Ortsgruppe der Kinderfreunde 1926 wurde Ernst Kern auch deren Vorsitzender. Sein Bruder Fritz Kern gehörte zu den Helfern und leitete Kindergruppen.

Dem Bezirksvorstand der SAJ, Bezirk Pfalz, gehörte Ernst Kern seit 1923 an und wurde 1932 dessen Vorsitzender. Mit Gründung der Bezirksorganisation der „Kinderfreunde“ 1930 wurde Ernst Kern auch hier zum Vorsitzenden gewählt.  Die Bayerische Staatsregierung untersagte jedoch Mitte 1930 die Arbeit der „Kinderfreunde“, da diese nicht auf ihre politische Ausrichtung und politischen Ausdrucksformen verzichten wollten. Unterstützt von der  katholischen Kirche warfen nämlich die bürgerlichen Parteien und die Nationalsozialisten den „Kinderfreunden“ vor, dass sie rein politisch zum sozialistischen Klassenbewusstsein erzögen und mit ihrer Kritik am Erziehungsstil und den Lerninhalten in Schule, Kirche und Elternhaus die schulpflichtige Jugend gegen die Erziehungsziele des Bayrischen Staates, insbesondere der Schule ausrichteten.
In den freieren und reformpädagogisch orientierten Erziehungsmethoden, im gemeinsamen Baden, Turnen und Übernachten von Jungen und Mädchen auf Zeltlagern und in der nichtchristlichen Erziehung sahen die Kritiker der Kinderfreunde eine sittliche Gefährdung der Jugend. Da die Teilnahme von schulpflichtigen  Kindern an Veranstaltungen der „Kinderfreunde“ verboten wurde, wurde im Juli 1930 ein bereits genehmigter Zug der heimkehrenden Teilnehmer der Kinderrepublik am Thuner See (Schweiz), die mit Ernst Kern von Mannheim nach Ludwigshafen zogen, von der Polizei behindert und aufgelöst.  In Ludwigshafen und Umgebung war deshalb Ernst Kern in vielfacher Form darum bemüht, dass den Eltern und Kindern keine Nachteile entstehen. Am „Fest der Jugend“ in Mannheim nahmen Ernst Kern und seine Helfer ohne Kinder teil. Ernst Kern löste im April 1931 in Altrip eine Werbeveranstaltung der SAJ auf,  da die Polizei die SAJ aufforderte, alle schulpflichtigen Kinder herauszuholen. Da die sich Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) als linke Abspaltung der SPD formierte und dorthin einige „Kinderfreunde“- und SAJ-Mitglieder in anderen Ortsgruppen abgewandert waren, hielt Ernst Kern vor der Eltervereinigung der Kinderfreunde Ludwigshafen im November 1931 zu dem Thema: „Radikale Worte oder sozialistische Tat“ einen Vortrag.  Fritz Kern half der von Abwanderung betroffenen Ortsgruppe Neustadt aus.

Im Sommer 1932 organisierte die Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde 30 km von Paris entfernt die Kinderrepublik Draveil: „Gegen Krieg und für Völkerverständigung“. Vermutlich knüpfte hier Ernst Kern Kontakte nach Frankreich, die ihm später noch hilfreich waren. Für zehn Ludwigshafener Teilnehmer von erwerbslosen Eltern waren Plätze für das große Zeltlager in Frankreich reserviert.  

Die Arbeit der Kinderfreundegruppen  in Ludwigshafen kam ab 1930 infolge des Verbotes fast zum Erliegen. Auf Elternversammlungen versuchte Ernst Kern im November 1932 darzustellen, „warum (...) in Bayern die Kinderfreundebewegung verboten wurde“. Die Verhandlungen mit der Arbeiterwohlfahrt, damals ebenfalls eine Untergliederung der SPD, die Kindergruppen der Kinderfreunde an die AWO anzugliedern, verliefen in Ludwigshafen im Gegensatz zu anderen Ortsgruppen äußerst schwierig. Ernst Kern sah den Grund für die Schwierigkeiten im Widerstand der AWO, während die AWO die Kinderfreunde für das bisherige Scheitern verantwortlich machten. Die Kinderfreunde mussten daher die Partei bitten zu vermitteln. Im Oktober 1932 wurde Ernst Kern im Bezirksvorstand durch Georg Schweiger als neuem Vermittler zwischen Kinderfreunden und AWO in der Vorstandsarbeit entlastet und Ende November 1932 konnten sich schließlich auch die Kindergruppen der Ludwigshafener Kinderfreunde an die AWO angliedern. Beide Gliederungen feierten deshalb Mitte Januar 1933 ein Gemeinschaftsfest der Kindergruppen der AWO. Diese Lösung war jedoch nur von kurzer Dauer, da mit der nationalsozialistischen Diktatur ein endgültiges Verbot der sozialdemokratischen Organisationen im ganzen Deutschen Reich erfolgte.
Am 11. März 1933 wurden durch die nationalsozialistischen Machthaber die SAJ und am 28. März 1933 alle anderen sozialdemokratischen Organisationen, wie die AWO einschließlich ihrer Kindergruppen, verboten.

Nun war auch die politische Tätigkeit Ernst Kerns in den Mittelpunkt gerückt. Die Nationalsozialisten drohten ihm infolge der Gleichschaltung des Ludwigshafener Stadtrates Repressalien an. Die Nationalsozialisten hatten die gewählten SPD-Stadträte vom 12. März 1933 bis 21. März in „Schutzhaft“ genommen, zum Mandatsverzicht gezwungen und den Stadtrat dann Ende März 1933 aufgelöst. Bei der ersten Sitzung des gleichgeschalteten Rates am 27. April 1933 dominierten SA und braune Uniformen das Bild. Die SPD hatte Ernst Kern mit zehn weiteren Sozialdemokraten nominiert, um die Mandate wahrzunehmen, doch angesichts der Bedrohung blieben diese der ersten Sitzung fern. Die Vereidigung der neuen SPD-Stadträte verhinderten die Nazis am folgenden Tag mit der Begründung, die SPD habe fraktionsintern gegen die am Vortag vom Stadtrat beschlossene Ehrenbürgerschaft für Hitler und zwei weitere Nazis gestimmt. Daraufhin wurden Ernst Kern und seine Mitstreiter mit Rausrufen der Nazis aus dem Saal gebrüllt.
Vermutlich aufgrund einer Warnung, dass er auf einer Verhaftungsliste stünde, und aufgrund dieser Eindrücke floh Ernst Kern von seinem letzen Wohnort Schützensstraße 32 ins Exil nach Frankreich, wo er von der Sozialistischen Partei in Paris empfangen wurde und einige Zeit blieb. Ernst Kern nahm dort wohl alle möglichen Arbeiten wie Reparaturen, Chauffeursdienste oder Küchenhilfe an. Der Vater Ernst Kerns wurde in Ludwigshafen von der Gestapo verfolgt, musste zweimal ins Gefängnis, war rechtlos und arbeitslos. Der Bruder Fritz Kern kam als Soldat an Ost- und Westfront.

Zwei Jahre später, im Jahre 1935, wohnte Ernst Kern in Saint Adresse, einem Vorort von Le Havre, wo Ernst Kern in einem Restaurant-Hotel arbeitete und  Elie Levy und Frau bei der Verwaltung des Betriebes half. Ernst Kerns Verlobte Paula Bauer kam nach Saint Adresse nach. Am 1. September 1938 heirateten beide in Le Plessis-Robinson, einem Vorort von Paris, wo die Rue des Hêtres 13 ihr neuer Wohnort wurde.

Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Frankreich flohen Ernst Kern und seine Frau in den unbesetzten Süden (Vichy-Frankreich), wo er nach eigener Erzählung gegenüber seinem Sohn Roger unbewaffnetes Mitglied der Resistance wurde. Ende 1941/Anfang 1942 weilten beide bei Termes d´Armagnac im Département Gers auf einer „Farm“ einer Schweizer Hilfsorganisation, welche die Familie Adolf Ludwig betrieb (Vater des späteren Ludwigshafener Oberbürgermeisters). Diese mussten sie aber nach einem Verrat an die Gestapo verlasse.  Nicht weit von Termes d’Armagnac wurde 1942 Ernst und Paula Kerns Sohn Roger geboren.

Nach der Landung der Alliierten in Frankreich zog Ernst Kern mit seiner Familie im September 1945 nach Cailly-sur-Eure (Normandie) und half der Familie Cohn-Bendit bei dem Wiederaufbau eines Gebäudes, das als Kinder und Jugendheim genutzt wurde, um unter anderem jüdischen Waisenkindern eine Lebensgemeinschaft zu bieten und sie auch auf ihre Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Im Exil gehörte Ernst Kern der parteiunabhängigen „Groupe des socialistes allemands réfugiés en France“ an.

Im Juni 1946 kehrten Ernst Kern und seine Familie durch illegalen Grenzübertritt  nach Ludwigshafen zurück. Er half hier beim Wiederaufbau der Sozialistischen Jugendbewegung – Die Falken als eine eigenständige Organisation mit enger sozialdemokratischer Bindung. Den Aufbau hatten bereits Fritz Kern, seine Frau Herta und weitere Genossen mit Genehmigung der Militärbehörden im Mai 1946 begonnen.

1946 bis 1956 war Ernst Kern Vorsitzender des Ortsverbands Ludwigshafen und der Landes-/ Bezirksorganisation (Rheinland-)Pfalz, während sein Bruder Fritz Kern von 1950 bis 1972 als Stadtjugendpfleger von Ludwigshafen tätig war. In den Anfangsjahren führten Ernst Kern und sein Bruder Fritz größere Zeltlager durch und leiteten Jugendgruppen, bauten „Falkenheime“ aus und auf. Von 1950 bis 1952 war Ernst Kern Vorsitzender des Stadtjugendrings Ludwigshafen. Ernst Kern gehörte von 1946 bis 1952 als SPD-Stadtrat dem ersten Nachkriegsstadtrat der Stadt Ludwigshafen an und war Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Mundenheim.
Vater Friedrich Kern war 1945 Gründungsmitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) Ludwigshafen: Von 1945 bis zu seinem Ruhestand 1949 war er als Kassierer Mitglied des Vorstandes der Chemiearbeiter, sowie Mitglied des Landesvorstandes der Chemiearbeiter.
1956/1957 kam es zum Zerwürfnis der Falken mit Ernst Kern.  Er wurde auf allen Ebenen wegen innerverbandlicher Differenzen aus dem Jugendverband SJD-Die Falken ausgeschlossen. Seine Mitstreiterin aus den 20er und 30er Jahren Luise Hauer, die in England im Exil gewesen war, und eine Gruppe von Jugendlichen verließen den Verband.

Mit dem Deutsch-Französischen Jugendaustausch mit Lorient 1963 bis 1976 fand Ernst Kern wieder ein organisatorisches und praktisches Betätigungsfeld. Auf diesem Austausch lernte auch sein Sohn Roger seine Frau kennen. Die Familie lebt heute in Lorient und hat Kinder und Enkelkinder. Alle übrigen näheren Verwandten Ernst Kerns leben heute nicht mehr.

Am 26.April 1972 starb Vater Friedrich Kern in Ludwigshafen. Ernst Kerns Bruder Fritz Kern wurde 1973 als Stadtjugendpfleger in den Ruhestand verabschiedet und starb 1986 in Ludwigshafen.

Die, die Ernst Kern kannten, berichten, dass Ernst Kern Menschen begeistern und auch führen konnte, aber nicht immer diplomatisch war, wenn seine Vorstellungen nicht umgesetzt werden konnten. In Verhandlungen muss Ernst Kern ein schwieriger und hartnäckiger  Verhandlungspartner gewesen sein, der bemüht war, für den Verband das Beste herauszuholen. Damit machte er sich wohl nicht immer Freunde, auch nicht in der eigenen Partei. Trotzdem stand er immer loyal zur SPD. In der Weimarer Zeit, im Exil und in den Nachkriegsjahren gab es in organisatorischen, aber nicht politischen Fragen zeitweilig Differenzen zur Partei. Differenzen zwischen dem - inzwischen 53 Jahren alten - Ernst Kern und den „Jungen“ in der Ludwigshafener Gruppe und dem Bezirksverband der Falken erwiesen sich 1957 als unüberbrückbar und führten  zum Ausschluss aus dem Verband.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit der eigenen Verbandsgeschichte und mit der Besinnung auf die Verdienste und Leistungen Ernst Kerns leiteten die Falken Ende der 1970er Jahre seine Rehabilitierung ein. In Oppau gründete sich der Ortsverband „Ernst Kern“, der seinem Falkenheim 1979 den Namen Ernst-Kern-Haus gab. Im Jahr 1992 fand in den Kellerräumen der Goethe-Mozart-Schule das Ernst-Kern-Haus als offene Kinder- und Jugendfreizeitstätte der BIO (Bürgerinitiative Oppau) beziehungsweise BI Ludwigshafen e.V. seine jetzige Bleibe.

Die Biographie wurde 2007/2008 von den Mitgliedern der Sozialistischen Jugend – Die Falken Ludwigshafen erarbeitet und von Friedemann Seitz zusammengestellt.