Jakob Leva, Ludwigshafen-Ruchheim

HIER LEBTTE
JAKOB LEVA
JG. 1865
DEPORTIERT 22.10.1940
GURS
ERMORDET 9.12.1940

StolpersteinstraßeFußgönheimer Str. 43
StolpersteinortLudwigshafen-Ruchheim
Jahr der Verlegung2010
StolpersteininitiativeLudwigshafen

Persönliche Daten

NachnameLeva
VornameJakob
Geburtstag15. Januar 1865
GeburtsortRuchheim bei Ludwigshafen
FamilienstandSohn von Markus und Friederike Leva, verheiratet mit Klara, geb. Hanau
BerufViehhändler
SchicksalDeportiert nach Gurs
Sterbedatum9. Dezember 1940
SterbeortGurs

Biographie

Jakob Leva wurde am 15. Januar 1865 in Ruchheim geboren. Jakobs Eltern waren Markus Leva und Friederike Leva, geborene Kahn, aus Essingen.
Die Familie von Markus Leva war eine der bekanntesten und geachtetsten Judenfamilien in Ruchheim.
Markus Leva hatte 1872 mit einigen anderen Bürgern den ersten Kindergarten in Ruchheim gegründet. Er stellte dafür sein Grundstück und Gebäude in der Kirchenstraße 2 (heute Pfalzgartenstraße 2) zur Verfügung. Daraus entstand der heutige Kindergarten ›Arche Noah‹. Der Kindergarten stand allen Konfessionen offen.

Markus und Friederike Leva hatten viele Kinder. Bekannt sind seine Söhne Joseph, Jakob, David und Julius. Jakob, Joseph und David trieben Viehhandel.
Jakob Leva wohnte in der Fußgönheimer Straße 32, Joseph Leva wohnte im Haus gegenüber, Fußgönheimer Straße 43. David Leva zog nach Frankenthal. Julius Leva wurde Nervenarzt in Ludwigshafen.

Jakob Leva heiratete Klara Hanau. Ihre Ehe blieb kinderlos. Die drei Brüder machten viele Geschäfte gemeinsam. Weil die Bevölkerung in den Städten Mannheim und Ludwigshafen sehr rasch zunahm, wurde der Bedarf an Schlachtvieh und Milch immer größer. Davon profitierten die drei Brüder. Sie kauften die Milchkühe in der Regel in Ostpreußen, verluden sie auf die Bahn und sandten sie nach Oggersheim. Bei der Fahrt wurden die Tiere in Berlin ausgeladen, gefüttert und getränkt. Mit dem Ersten Weltkrieg änderten sich die Lebensbedingungen schlagartig. Die Einkommensverhältnisse während des Krieges und in den Zwanziger Jahren wurden immer beschwerlicher. Doch keine der Ruchheimer Juden-Familien musste ihren Beruf aufgeben, allen blieb ein bescheidenes Einkommen.

Ab 1930 förderte die zunehmende antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten erst in den Städten, dann auch in den Dörfern die Abneigung und den Hass gegen das Judentum. Joseph Leva wanderte mit seiner Familie nach Amerika aus. Andere Familien waren 1932 verzogen oder emigriert. So lebten 1938 nur noch drei Juden in Ruchheim: Jakob Leva, seine Ehefrau Klara und seine 90jährige Schwiegermutter, Karoline Hanau.

Während die Synagoge im Nachbarort Mutterstadt schon brannte, wollten am 10. November, einen Tag nach der Reichspogromnacht, gegen 14 Uhr auswärtige und Ruchheimer SA-Leute die Ruchheimer Synagoge niederbrennen. Dazu kam es nicht. Dafür zertrümmerte man mit Äxten und Eisenstangen die Einrichtungsgegenstände im Synagogenraum. Die zahlreich sich einfindende Schuljugend trug die gottesdienstlichen und biblischen Bücher auf den Hof, wo sie unter Hohn und Spott angezündet wurden. Nachdem man das Innere des Gotteshauses gründlich demoliert und die Bänke auf den Hof geworfen hatte, blieb ein Bild der Verwüstung zurück.

Zeitzeuge Wilfried Reber berichtet: Am 10. November 1938 betrat der Vier-Jährige mit seiner Mutter nachmittags den Hof der Synagoge. Sie kamen vom Feld seines Großvaters in Eppstein und wollten in ihre Wohnung, die ehemalige Lehrerdienstwohnung im oberen Stockwerk der Synagoge, zurückkehren. Wilfried Reber erzählte dem Verfasser, dass im Hinterhof ein Feuer mit Büchern und Möbeln abbrannte, ein Riesenqualm! Viele Menschen standen umher und schauten zu.
Die schönen bunten Fensterscheiben der Synagoge waren eingeworfen und zersplittert. Die blaue Decke mit den Sternen im Innern! Das Bild hat Reber immer noch vor Augen. Wie ihm seine Mutter später sagte, trat damals ein SA-Mann auf sie zu, etwa mit den Worten: „Wann ehr nit do owwe wohne deten, dete mer ’s Haus ahstecke!”

Was geschah unterdessen mit den drei letzten Ruchheimer Juden? Auch der Haushalt von Jakob und Klara Leva wurde an diesem Nachmittag vom Mob verwüstet. Er selbst hielt sich zu diesem Zeitpunkt in Frankenthal auf. Die Verbrecher trafen daher in der Fußgönheimer Straße 32 nur zwei verängstigte alte Frauen an. Klara Leva und ihre Mutter Karoline Hanau wurden im damaligen Gemeindehaus der Gemeinde Ruchheim festgehalten, während man in der Wohnung die Möbel zerschlug und die Federbetten aufschnitt.

Auf dem Weg zum Gemeindehaus hatten die beiden Frauen weinend um Erbarmen gefleht, man möge sie in ihrer Wohnung belassen. Klara Leva soll gesagt haben: „Ihr werdet mich doch nicht aus meinem Haus jagen, ich hab doch auch Gold gegeben fürs Vaterland”, wobei sie auf eine eiserne Brosche wies, die sie als Anerkennung für eine geleistete Goldspende (›Gold gab ich für Eisen‹) im Ersten Weltkrieg erhalten hatte. Aber auch dieser Hinweis auf ihren Patriotismus nutzte nicht. Für eine Nacht wurden die drei Levas von barmherzigen Nachbarn aufgenommen. Am nächsten Morgen begannen sie die Wohnung notdürftig herzurichten. Verwandte hatten sie dringend aufgefordert, sie mögen doch aus Ruchheim emigrieren; doch sie lehnten es ab. Jakob Leva und seine Familie waren in Ruchheim tief verwurzelt.

Sein nach Amerika emigrierter Neffe, Ernst Leva, schrieb oder erzählte: „Mein Onkel Jakob ließ mich wissen, dass er Ruchheim niemals freiwillig verlassen würde …” Und Jakob Leva sagte: „Ich habe niemand etwas (Übles) getan. Warum soll ich weggehen?”

Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, wie sich am 22. Oktober 1940 zeigen sollte. Auch hatte man Jakob Leva zwischenzeitlich mit der Peitsche ins Gesicht geschlagen, wie eine Zeitzeugin zu berichten weiß. Eine sehr ungewöhnliche Geschichte im Zusammenhang mit dem Pogrom am 10. November 1938 erzählte der nach den USA emigrierte Otto Leva, Sohn von Joseph Leva, im Januar 1979.

Demnach kam am Abend des 9. November 1938 ein Ruchheimer SA-Mann heimlich zu Jakob Leva und teilte ihm vertraulich mit: „Heute Nacht werden alle Synagogen in Deutschland zerstört. Wenn ihr noch etwas aus eurer Synagoge retten wollt, holt es schnell heraus!” Im Schutz der Dunkelheit soll Jakob Leva die Thorarolle geborgen haben. Vielleicht war dies der Grund, warum er sich am Nachmittag des 10. November in Frankenthal aufhielt. Die Thorarolle befindet sich heute in einem Museum in Virginia. Die Rolle ›Das Buch Esther‹ befindet sich im Besitz von Jakob Levas Großnichte, Naney Lazier, geb. Leva, in Virginia.

Am 22. Oktober 1940 wurden Jakob Leva und seine Ehefrau Klara in einem Omnibus mit anderen Leidensgenossen nach Ludwigshafen gebracht, wo die Gestapo in der Maxschule ein Sammellager eingerichtet hatte. Von dort wurden sie mit den anderen Juden der ganzen Pfalz in das Lager Gurs transportiert. Jakob Leva starb nach wenigen Wochen am 9. Dezember 1940. Im Lager herrschten katastrophale hygienische Bedingungen. Der Überlebende Paul Niedermann berichtete im September 2007 darüber während einer Ausstellung über das Lager Gurs im ev. Gemeindehaus Ruchheim. Klara Leva kam von Gurs über Récébédou nach Drancy bei Paris und am 14. August 1942 mit dem Eisenbahntransport Nr.19 in das Konzentrationslager Auschwitz. Sie gilt als verschollen. Karolina Hanau, die Mutter von Klara Leva, emigrierte am 9. Januar 1939 neunzigjährig zu Verwandten nach Luxemburg.
Hiermit erlosch die jahrhundertealte jüdische Gemeinde Ruchheim.

Zeitzeugen zum Abtransport von Jakob und Klara Leva:
Eine Zeitzeugin berichtete 1998 in einem Gespräch mit ihrem Neffen über das Geschehen in Ruchheim.
„Ja, dort hat man sie rausgeholt, die Levas. Ich hab’s gesehen.” – „Tante, ich denke, das war nachts”, antwortete ich verdutzt. „Ach was”, antwortete sie, „alle haben’s gesehen.” Und sie zählte die Namen derer auf, die aus den Fenstern geschaut hatten. Alles ehrenwerte Leute. „Keiner hat was gesagt”, fuhr die alte Frau fort, „auch ich nicht. Dafür schäme ich mich.”
Die ›Beute‹ wurde bürokratisch penibel erfasst. Am 2. Dezember 1940 wurde ein ›Inventar-Verzeichnis der geräumten Wohnung des Juden Jakob Israel Leva in Ruchheim, Adolf-Hitler-Straße 32‹ angelegt. Es waren die wenigen Habseligkeiten, die nach der Verwüstung der Wohnung in der Pogromnacht im November 1938 hatten gerettet werden können. Am 25. Januar 1941, samstags 9 Uhr, wurde die Habe des Ehepaars Leva versteigert, von der Bettwäsche über die Milchzentrifuge, vom Handtuchhalter zur Wasserbank, von Kutsche und Kummet über den Waschkessel, vom Fleischständer bis zum Waschbrett konnte von interessierten Dorfbewohnern alles erworben werden. Vielleicht steht in dem einen oder anderen Ruchheimer Haushalt noch einer der 1941 ersteigerten Einrichtungsgegenstände?

Erinnerungen von Kurt Kreiselmaier
„1935, zu Beginn des Dritten Reiches waren die meisten jüdischen Familien ausgewandert oder weggezogen, nur Jakob Leva und seine Familie waren noch da. Sie wohnten in ihrem Hause und wurden an Leib und Gesundheit nicht beschädigt. Doch öfters wurde das Haus durchsucht und mehrmals Möbel und Vorräte zerstört und unbrauchbar gemacht. Jakob Leva hatte auch noch 1935 einen kleinen Bekanntenkreis, zu dem er kommen konnte. Oft kam er durch Garten und Hof in unser Haus. Er klagte nicht besonders, doch erzählte er wieviel Unbill er von der NSDAP und auch von verschiedenen Ruchheimern erdulden mußte, wobei er keine Namen nannte. Ich habe ihm nie verboten, in unser Haus zu kommen, hatte auch keine Angst vor den Nazis. Jakob Leva bedankte sich damit, dass er 1940, als ich Soldat war, zur Futterzeit morgens und abends kam, um die Kühe zu melken und meiner Frau eine große Hilfe war.”

Recherchiert von Willi Kern, Ruchheim, 2008